Reproduktionsmedizin & künstliche Befruchtung


1. Geschichte und Techniken der Reproduktionsmedizin

 

Die Reproduktionsmedizin beschäftigt sich mit der natürlichen und assistierten Fortpflanzung und ihren Störungen. Als ein interdisziplinär ausgerichtetes Fachgebiet der Medizin berührt die Reproduktionsmedizin auch die Fachgebiete Andrologie, Urologie, Gynäkologie und Genetik sowie die Disziplinen Rechtsmedizin, Medizinrecht und Bioethik.

 

Seit wann gibt es die Reproduktionsmedizin und wann wird sie eingesetzt?

In der Humanmedizin gilt die Geburt von Louise Brown im Jahr 1978 als Beginn der modernen Reproduktionsmedizin. Die erstmals angewandte In-vitro-Fertilisation hatten Robert Edwards und Patrick Steptoe entwickelt.

Seitdem sind die theoretischen Erkenntnisse angewachsen, wie auch die Methoden der Diagnostik und Therapie verfeinert worden, was zu einer Vielzahl von Techniken geführt hat.

Die Ursachen einer fehlenden Fertilität liegen zu 30% beim Mann, 30% bei der Frau, 30% bei beiden Partnern. Bei 10% ist es eine Infertilität idiopathischer Natur. Störungen beim Mann können in der fehlerhaften Bildung von Spermien liegen, bei der Frau beim Eisprung, im Verschluss des Eileiters oder in einer Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut (Endometriose). Doch müssen auch psychische Gründe wie Stress beachtet werden, die den Beginn einer Schwangerschaft verhindern.

 

Techniken in der Reproduktionsmedizin

In den vergangenen Jahrzehnten sind unterschiedliche Verfahren in der assistierten Reproduktionstechnik (ART) entwickelt worden. Ich fasse die wichtigsten zusammen und verweise auf die unten aufgeführte Literatur:

 

  • Bei der intrauterinen Insemination (IUI) werden die gewonnenen Samenzellen, die im Labor gereinigt und selektiert wurden, zum optimalen Zeitpunkt der Empfängnis mittels Katheter in die Gebärmutterhöhle übertragen. Der vermutliche Zeitpunkt des Eisprungs wird vorher mittels Hormon- und Ultraschalluntersuchung abgeschätzt. Oft werden Eizellreifung und Eisprung medikamentös herbeigeführt.
  • Die In-vitro-Fertilisation (IVF) wurde in den 1960er und 1970er Jahren von Robert Edwards und Patrick Steptoe entwickelt. Die Eizellen werden mit dem aufbereiteten Sperma in einem Reagenzglas zusammengebracht. Parallel zur Eizellenpunktion werden die Spermien zur Befruchtung der Eizelle durch Masturbation oder einen mikrochirurgischen Eingriff gewonnen. Es findet eine spontane Befruchtung statt. Zuvor erfolgt eine natürliche Selektion der Spermien.
  • Die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) wird bei gestörter Beweglichkeit der Spermien, Spermien-Antikörpern oder sehr niedriger Spermienanzahl im Ejakulat angewendet. Die Samenzelle wird direkt in das Zytoplasma einer Eizelle eingespritzt. Die Erfolgsquote einer Befruchtung ist hoch.

Bei der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion wird das Spermium mit einer Pipette (rechts) in die mittels einer Haltepipette (links) fixierte Eizelle eingebracht. (Bild aus Wikipedia)

 

Eine Sonderform stellt die Intracytoplasmic Morphologically Selected-Sperm Injection (IMSI) dar, bei der das verwendete Spermium unter einem Mikroskop anhand morphologischer Kriterien ausgesucht wird.

 

2. Überlegungen aus psychodynamischer Sicht

Auch wenn neueste Studien aus Dänemark darauf hinweisen, dass es kaum einen Unterschied in der Entwicklung der künstlich gezeugten und natürlich entstandenen Kindern zu geben scheint, dürfen wir Aussagen von Eltern und Kindern nicht ausser acht lassen, die von ganz unterschiedlichen Erfahrungen berichten.

 

Entscheiden sich die Eltern für eine künstliche Form der Befruchtung ist es sehr sinnvoll, mit ihnen die emotionalen Themen zu besprechen, die ein solcher Eingriff mit sich bringt. Mit der physischen Belastung durch die Hormonbehandlung konzentrieren sich die Eltern in erster Linie auf das Ergebnis: Gelingt es oder gelingt es nicht. Dabei kommen die emotionalen Erfahrungen zu kurz. Ich möchte einige Themen aus meiner praktischen Erfahrung auflisten, ohne näher darauf einzugehen.

  • Die Frage nach der Bedeutung des Kinderwunsches fördert oft tiefer liegende Schichten zutage, die den Eltern nicht bewusst sind und doch einen Einfluss haben können.
  • Risse in der Paarbeziehung können später auftreten, weil tiefliegende Themen wie Scham, Schuld, Versagen nicht oder nur am Rande berührt werden. Auch gilt es die besondere Stressbelastung in allen Dimensionen zu berücksichtigen.
  • Die latente Angst der Eltern, ob es gelingt, kann später zur Überbehütung des Kindes führen.
  • Die Ressourcen des Paares, besonders auch angesichts der Möglichkeit eines Misserfolges bei der Befruchtung und Einpflanzung, sind ein wichtiger Bestandteil der Beratung.

Die Kinder gehören von Anfang an zu den Hauptbeteiligten. Das zeigen sie uns im Spiel und in Äusserungen, die uns oft über das tiefe Wissen staunen lassen. Doch bei allem, was mit den Ei- und Samenzellen in der Vorbereitung bis zum Einnisten und auch während der ganzen Schwangerschaft geschieht, dürfen wir nicht ausser acht lassen, dass es die Gesundheit ist, die die Kinder auf diesem Weg begleitet. Es muss noch einen tieferen Sinn geben, der durch all die Prozedur wirksam ist und den Kindern letztlich ein erfolgreiches Ankommen in unserer Welt möglich macht. Dennoch müssen wir offen sein für das, was die Kinder an Wissen mit sich bringen: 

  • Die Gewalterfahrung von Ei- und Samenzelle.
  • Die Frage nach den Geschwistern ist ein tief bewegendes Thema.
  • Kinder fühlen sich beobachtet, verunsichert und ungeschützt. Sie vermissen den intimen Raum.
  • Kinder haben Angst vor dem Versagen, weil die Aussicht auf Erfolg ihre Entstehung begleitet.
  • Desorientierung in Beziehungen kann ein Hinweis für Orientierungsschwierigkeiten zu Beginn des Lebens sein.
  • Willenlosigkeit oder Auflehnung können Ausdruck dafür sein, dass der eigene Lebensimpuls zu einem grossen Teil abgenommen wurde.

Damit habe ich nur ein paar wenige Aspekte aufgezeigt. Die Reproduktionsmedizin ist noch viel zu jung, um gesicherte Erfahrungen im Erleben des betroffenen Menschen aufzeigen zu können. Dennoch ist es sicher, dass die Ei- und Samenzelle eine andere Erfahrung macht als bei der natürlichen Entstehung. Eine Erfahrung wird der künstlich gezeugte Embryo auf jeden Fall vermissen: die Eileiterwanderung. Bei der Eileiterwanderung wird der Embryo nicht nur von den Flimmerhaaren umsorgt und getragen. Er macht auch bereits eine für die spätere Geburt wichtige Erfahrung, dass der Weg möglich ist. Ob die vielen künstlich beeinflussten Geburten bei Kindern der Reproduktionsmedizin damit zu tun haben, lässt sich statistisch nicht erhärten. Dennoch sollten wir diesen Aspekt nicht aus dem Auge verlieren.

 

3. Hilfreiche Unterstützung für Eltern und Kind

Was können Eltern für sich und ihr Kind tun, wenn sie sich für den Schritt der künstlichen Befruchtung entschieden haben?

Im Wesentlichen geht es darum, ein gutes Energiefeld zu schaffen, in welchem nicht nur die Eltern sich willkommen fühlen, sondern auch das ankommende Kind. Die folgenden Tipps können diese Intention unterstützen:

Gemeinsame Gespräche im Vorfeld mit guter eigener Mitte und viel Zeit, in welcher alle wichtigen Fragen Platz haben.

 Beide Partner sind beisammen, wenn Samenzellen und Eizellen gewonnen werden. Dadurch schaffen sie annähernd eine Atmosphäre der Intimität und der gegenseitigen Unterstützung und Zusammenarbeit. Für das sich anmeldende Wesen bedeutet es Willkommen sein und Geborgenheit in einer technisch kalten Umgebung.

  • Die Eltern sind im Labor anwesend, wenn Ei- und Samenzellen sich vereinigen. Durch ihre Präsenz unterstützen sie die Zellen bei der Orientierung. Die Zelle nimmt die Anwesenheit wahr, selbst wenn es nur ein Bild der Eltern bei der Petrischale ist.
  • Die Eltern achten darauf, dass sie gut bei sich bleiben, in der eigenen Mitte sein können und z.B. über den Augenkontakt die Verbindung untereinander spüren.
  • Die Eltern richten die Aufmerksamkeit nicht zu sehr auf das wachsende Leben, sondern nehmen sie zurück. Das gibt dem Embryo Raum, sich selbst zu entscheiden.
  • Die Eltern tauschen regelmässig ihre Gefühle der Angst, Ungewissheit, des Bangens, der Freude untereinander aus. So spürt der Embryo von Beginn weg, dass die Eltern dafür verantwortlich sind und er dafür nicht zuständig ist.
  • Gehen Embryonen wieder frühzeitig oder finden keine Verwendung, sollen Eltern einen Weg finden, sich von diesem Wesen zu verabschieden. Sie können z.B. jedem Wesen einen Namen geben und unterstützen so das lebende Kind, seinen eigenen Weg gehen zu dürfen.
  • Dem Kind immer wieder die Erfahrung von Geborgenheit und Schutz ermöglichen, wenn es danach verlangt. Das Kind weiss trotz aller künstlichen Beeinflussung, was es braucht und was ihm gut tut. 

 

4. Statistische Angaben

Das Bundesamt für Statistik liefert uns für das Jahr 2014 folgende Zahlen zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung:

- Behandelte Frauen                                                        6269

- Anzahl Behandlungen                                                11’273

- Schwangerschaften nach IFV-Behandlung                 37.0%

- Geburten aus diesen Schwangerschaften                  72.0%

- Lebendgeborene Kinder                                               1955

- Anteil Mehrlinge, in % der Kinder                                 28.9%

- Anteil Geburten in % zu behandelten Frauen            31.2%

 

5.  Literatur:

Bernhard, Andreas: Kinder machen. Samenspender, Leihmütter, Künstliche Befruchtung. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie. S.Fischer-Verlag GmbH Frankfurt am Main 2014

 

Castellino, Ray: Life, Death, Loss and Double Bind. Definitions and Protocols. Unveröffentlichtes Dokument 2006, übersetzt von Regina Bücher and Klaus Käppeli 2014

 

de Jong, Theresia Maria, Thurman, Ilka-Maria: Willkommen im Leben! Kinderwunsch und der bewusste Weg zur Elternschaft, Patmos-Verlag Düsseldorf 2008

 

de Jong, Theresia Maria: Babys aus dem Labor. Segen oder Fluch? Beltz-Verlag Weinheim 2002

Gattiker-Lorenz, Sandra: Sternschnuppenjahre. Wenn Wünsche sterben. Twinmedia-Verlag Oberglatt/ZH  2013

 

Mortensen PB, Bay: Assisted reproduction and child neurodevelopmental outcomes: a systematic review. (Eingangsnummer 1000), 2013

 

Sonne, John C.: Magic Babies. Journal of Prenatal and Perinatal Psychology and Health, 12(2), Winter 1997, S. 61 – 87

 

Terry, Karlton: Observations in Treatment of Children Conceived by In Vitro Fertilization. www.karltonterry.com

 

Van der Wal, Jaap: Embryo in Bewegung; Die Sprache des Embryos; Grundzüge einer phänomenologischen Embryologie; Befruchtung oder Empfängnis; Dynamische Morphologie des menschlichen Körpers. Zu beziehen unter www.embryo.nl

 

Wiemann, Irmela: Wieviel Wahrheit braucht mein Kind ? Von kleinen Lügen, großen Lasten und dem Mut zur Aufrichtigkeit in der Familie – rororo mit kindern leben. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 5. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2011

 

 

 

Autor:

Klaus Käppeli-Valaulta, lic.phil. I, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Praxis für somatische Psychotherapie, Integration prä- und perinataler Erfahrungen

St.Leonhardstrasse 4, CH-9000 St.Gallen   +41 71 223 48 91   klaus.kaeppeli@bluewin.ch

 

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