Barbara Gindl: Anklang – Die Resonanz der Seele: Über ein Grundprinzip therapeutischer Beziehung


Kurzbeschreibung

 

Therapie, die von nachhaltiger Wirkung sein soll, ist das Gemeinschaftswerk zweier Menschen, die sich aufeinander einlassen. Ihren Kern bildet die Erfahrung emotionaler Resonanz, eines verborgenen aber fühlbaren Geschehens, durch das wir in unserer Tiefe berührt werden und das uns befähigt, uns auf einen anderen Menschen emotional einzustimmen und mit ihm mitzuschwingen.

Das vorliegende Buch umkreist dieses subtile zwischenmenschliche Schwingungsgeschehen, ein Grundprinzip von Beziehung, welches unabhängig von der verbalen Kommunikation(-sfähigkeit), von Alter, Intelligenz, sozialer Prägung und anderen Faktoren erfahren wird, von einem weit gefassten und interdisziplinären Blickwinkel aus. Ausgehend von der frühen Mutter-Kind-Beziehung als einem zentral wichtigen wechselseitigen Resonanzprozess beschreibt die Autorin ein musik- und körperpsychotherapeutisches Therapieverständnis, das sich durch sein Verankert-Sein in den Erkenntnissen der neueren Säuglingsforschung als eine „developmentally based psychotherapy“ (Greenspan) versteht.

Sie schöpft dabei aus dem reichen Fundus ihrer fast zwanzigjährigen Berufserfahrung als Musik- und Psychotherapeutin. Ihr Buch widerspiegelt und reflektiert die therapeutische Arbeit mit Menschen mit so genannten Frühstörungen, mit Ess-Störungen oder anderen psychosomatischen Erkrankungen. Vorwiegend jenen Menschen also, deren Leiden letztlich in nicht oder nur unzureichend stattgefundener zwischenmenschlicher Resonanz und in einem Mangel an Wahrgenommen-Sein wurzelt.

 

Über die Autorin

Barbara Gindl, geb. 1962, promovierte mit dieser Arbeit zum Dr. phil. Sie ist Psychologin und Psychotherapeutin SPV/VOPT, Musiktherapeutin SFMT, Lehrmusiktherapeutin an verschiedenen Musiktherapieausbildungen. Studium der Musiktherapie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien und der Psychologie, Psychopathologie, Ethnologie an der Universität Zürich. Weiterbildung in Analytischer Psychologie (C.G. Jung), Musik- und Körperpsychotherapie, Bioenergetischer Analyse und Therapie, Analytischer Körperpsychotherapie und Psychoenergetik. Langjährige musik- und psychotherapeutische Berufserfahrung im stationären und ambulanten Bereich der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie und mit lernbehinderten Jugendlichen. Seit 1994 führt sie eine selbständige Praxis für Musik- und Psychotherapie in Wil (Schweiz). Kurs- und Vortragstätigkeit sowie Publikationen im In- und Ausland.

 

Als Kindle-E-Book: https://www.amazon.de/Anklang-Resonanz-Grundprinzip-therapeutischer-Beziehung-ebook/dp/B01FVWJELC/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1463742860&sr=1-1&keywords=Gindl


Rezension von Christiane Geiser, in: Psychotherapie Forum Vol. 12, No. 2, 2004, S.. 114-115, Springer Verlag


Am besten gefällt mir an Barbara Gindls Buch, dass es schulenübergreifenden Charakter hat. Das ist in unsrer momentanen berufspolitischen Therapie- und Forschungs-Landschaft, in der es häufig nur noch um Abgrenzung und Ausgrenzung geht, nicht selbstverständlich. Beim Lesen nickt nicht nur die Rezensentin (als klientenzentrierte Körperpsychotherapeutin) an vielen Stellen zustimmend, sondern auch mein Psychiater-Kollege, der in der Klinik arbeitet, und die Kollegin aus der Nachbarpraxis, die analytisch geschult ist. Es scheint um etwas zu gehen, das grundsätzlicher, basaler ist als Streitigkeiten zwischen verschiedenen Therapieverfahren über Wirksamkeit und Wissenschaftlichkeit. Etwas, das hinter oder unter diesen Fragestellungen liegt und sie doch zentral beantwortet. Es geht um etwas, das sich immer dann ereignet, wenn zwischen Menschen diese besondere Art von „Schwingung“ entsteht, die im therapeutischen Feld heilsam sein kann. Um Resonanz also. Und damit sind wir beim Thema des Buches.

Barbara Gindl ist tiefenpsychologisch geschulte Musik- und Körperpsychotherapeutin. In ihrem Buch, das auch ihre Dissertation an der Universität Zürich war, geht sie sorgfältig dem Thema „Resonanz“ nach und stellt in einem transdisziplinärem Verständnis dar, wie es als „Grundprinzip therapeutischer Beziehung“ verstanden werden kann.

Sie untersucht einführend das doppelte Resonanzverständnis in den Naturwissenschaften, in der Musik und in der Psychologie und setzt anschliessend die Ergebnisse der Entwicklungspsychologie und Säuglingsforschung zum Resonanzverständnis in Beziehung. Schon in diesen Kapiteln finden sich immer wieder reichhaltige Fragen und Anregungen für die therapeutische Praxis, die dann in den Kapiteln über Resonanzstörungen, über die therapeutische Beziehung und die speziellen therapeutischen Haltungen in der Musik- und Körperpsychotherapie weiter ausgeführt werden. Ein kleines Kapitel mit exemplarischen Fallvignetten aus der Einzel- und Gruppenarbeit schließt das Buch ab.

Im Vorwort von Stefan Herzka, dem Doktorvater, klingen schon all die wesentlichen Themen und Begriffe an. „Therapie, die von nachhaltiger Wirkung sein soll“, schreibt er dort, „ist das Gemeinschaftswerk zweier Menschen, die sich aufeinander einlassen. ..., Therapie ist ein gemeinsamer Entwicklungs- und Lernprozess der Beteiligten“. Damit ist schon eine erste Grundannahme gesetzt, die sich von der Vorstellung des Ein-Personen-Paradigmas deutlich unterscheidet: es geht immer um etwas Gemeinsames, um einen Dialog, eine „Zwei-Heit“, um ein „Beziehungslebewesen“, wie ich es in meiner Sprache nenne. Von beiden ist gegenseitige Einstimmung, Aufnehmen und innere Aktivität gefordert.

Diese Grundannahme, dass gelingende Veränderung immer in einem Beziehungskontext steht und von beiden geleistet werden muss, nicht innerhalb einer „gestörten“ Person allein, zieht sich durch das ganze Buch. Wer die Erkenntnisse der Säuglingsforschung im letzten Jahrzehnt zur Kenntnis genommen hat, wird ohnehin immer in „Mutter-Kind-Einheiten“ resp. dann eben auch in „TherapeutIn-KlientIn-Einheiten“ denken können. Wir wissen, wie all die kleinen und größeren Irritationen der Affekt-Abstimmung, der emotionalen Resonanz, der Synchronisation das intersubjektive Feld beeinflussen. Aus dem reichen Erfahrungsschatz der Musiktherapie stammen viele der Begriffe und Haltungen, die dieses Miteinander beschreiben, sie werden auf das Beziehungsgeschehen angelegt. In diesem Sinne ist das Buch auch ein engagiertes Plädoyer dafür, dass die Musiktherapie nicht eine „Hilfstherapie“, sondern im eigentlichen Sinn eine Psychotherapie ist!

 

Gindl verwendet für die emotionale Resonanz das Wort „Anklang“. Es bezeichnet mehr als nur Gesehen-Werden, Wertgeschätzt-Werden, Gespiegelt-Werden. Es geht um ein vielschichtiges interaktives Geschen, das den ganzen Menschen meint. Den Begriff „Resonanz“ verwendet sie in einem doppelten, in einem dialogischen Sinn: als materiellen akustisch-physikalischen Prozess (Mitschwingen eines Körpers beim Erklingen seines Eigentons) einerseits und als transmateriellen Prozess andererseits (Mitansprechen von Gefühlen, Widerhall), der nur atmosphärisch zu erfassen ist. In einem rhythmisierten Schreibstil, den sie selber „einkreisend“ nennt, führt sie uns, dem Thema angemessen, mit Querverweisen, Assoziationen und Fragen durch die Kapitel: Ein „Thema mit Variationen“.

Für PraktikerInnen hochinteressant sind vor allem die Kapitel über die therapeutische Beziehung und über Resonanz, Nicht-Resonanz, Über-Resonanz und Resonanzstörungen im therapeutischen Prozess. Sehr einfühlsam nimmt sich Gindl vor allem der Menschen in unseren Praxiszimmern an, die unter missglückten Beziehungs- und Resonanzerfahrungen leiden. Sie drücken eine sprachlose Not aus, wohnen in einem totgeschwiegenen Körper, zeigen „schweigende“ Stellen oder das gänzliche Ausbleiben von Resonanzfähigkeit. Anklang zu fühlen in diesem umfassenden Sinn, wie es die Autorin meint, scheint fast nicht möglich. Mit ihnen haben auch wir als TherapeutInnen es nicht einfach: wir müssen unsere eigene Resonanz regulieren, modulieren, uns als „Resonanzkörper“ konfigurieren oder als Behälter, der die Schwingungen aushält und bewahrt, oder wir müssen ein Mitschwingen in uns selber überhaupt erst wieder ermöglichen. Zentrale Fragen sind: Womit bin ich in Resonanz? Womit schwinge ich mit? Gibt es auch Raum für Dissonanz? Für Resonanzlosigkeit? Wie sind wir synchronisiert?

Denn es ist ja nicht irgendeine Beziehung, die Veränderung und Heilung bewirken kann. Es handelt sich um eine professionelle Haltung, die durch die interessante Paradoxie von Sein und Tun gekennzeichnet ist: ich kann und muss als Begleitende aktiv etwas dazu tun und Bedingungen herstellen dafür, dass „Anklang“ passieren kann. Ich muss z.B. mein „Spürbewusstsein“ schulen, denn nicht nur meine Resonanzbereitschaft ist wichtig, sondern auch meine Resonanzfähigkeit. Ich kann mich fragen: „Wie „klinge“ ich als Therapeutin, wie ist mein „Eigenton“? Wie bin ich „gestimmt“? Andererseits muss ich auch loslassen und still sein können, der Teil des „Seins“ in unserer professionellen Kompetenz ist oft grösser als der des „Tuns“. Das Ergebnis, das Zusammen-Schwingen ist nicht machbar, es ereignet sich.

Diese spezifische Beziehungsqualität, die wir als eigentlichen „Wirkfaktor“ aus Untersuchungen kennen, ist mit Gindls Ausführungen sehr präzis gefasst. Interessant wäre, ob hier die Forschung weitergehen könnte. Mit den gängigen Wissenschafts- und Forschungsdesigns setzt Gindl sich allerdings sehr kritisch auseinander und bezweifelt, ob sie dieses spezifische Geschehen mit ihrem Instrumentarium überhaupt erfassen können.

Für die AusbilderInnen und SupervisorInnen unter uns gibt es im Buch ganz viele Anregungen für unsre nächsten Stunden: wir könnten alle unsere „Fälle“ und die unserer SupervisandInnen einmal unter diesem Aspekt von Schwingung und Resonanz anschauen und – methodenübergreifend und unabhängig von unseren sonstigen schulenspezifischen Methoden und Ideen - schauen, wohin uns das führt.

So leiht uns die Musikpsychotherapie eine Sprache aus und eine Hinspürensweise, die für das Verständnis unseres therapeutischen Tuns und Seins überaus anregend ist.

Ein kluges Buch und vor allem ein warmherziges Buch. Sehr zu empfehlen.