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Weckruf - zur psychologischen Notsituation in der Geburtshilfe

von Dr. Ludwig Janus

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 23. Januar lief ab 22.10 Uhr im WDR2 der Film „Wenn die Geburt zum Albtraum wird“⤴︎, der in dramatischer Anschaulichkeit die psychologische Notsituation in der heutigen technisch- und störungsorientierten Geburtshilfe darstellt. Geburten sind heute durch die Erfolge und Verdienste der Medizin in Bezug auf das Überleben sicher, aber in Bezug auf das „Wie“ durch die Außerachtlassung der psychologischen Aspekte vielfach traumatisch belastet. Dadurch wird das genuine Potenzial von Frauen zu einer selbst-bestimmten Geburt geschwächt oder sogar auch geblockt und es kommt zu den sogenannten „Interventionskaskaden“, wie der Film sie zeigt.

In dieser Situation spiegeln sich die Folgen einer mangelnden Wahrnehmung und Marginalisierung der psychologischen Bedeutung vorgeburtlicher und insbesondere geburtlicher Erfahrungen im öffentlichen Bewusstsein, wie sie eigentlich in der Pränatalen Psychologie zugänglich gemacht worden sind und damit verfügbar sind.

Diese Marginalisierung betrifft aber auch die Wahrnehmung der Abkömmlinge frühester Erfahrungen in den etablierten Psychotherapien. Hier liegt aber eine Verantwortlichkeit der Psychotherapeuten, weil sie über die bedeutsamen Nachwirkungen geburtshilflicher Eingriffe  Kenntnis haben könnten, deren Rückmeldung es den Hebammen und Geburtshelfern ermöglichen würde, den psychologischen Aspekten die ihnen zukommende Beachtung zu schenken.

In diesem Sinne  kann ich mich nur der Forderung der Physiotherapeutin Inès Brock* anschließen: “Der Geburtsmodus gehört in die Psychotherapie“, aber eben nicht nur aus Verantwortlichkeit den psychotherapeutischen Patienten gegenüber, sondern auch aus der Verantwortlichkeit, dieses Wissen, den Hebammen und Geburtshelfern als Ressource in ihrem Tätigkeitsbereich zur Verfügung zu stellen, und des weiteren, auch die werdenden Mütter in ihrem Potential direkt zu unterstützen, wie dies der Film „Lebendige Geburt“ zeigt, s. Anhang, und es auch durch die Förderung der vorgeburtlichen Mutter-Kind-Beziehung geschieht, www.bindungsanalyse.de⤴︎. Darüber hinaus ist es an der Zeit überhaupt die Psychodynamik des individuellen Lebensanfangs wie auch der geschichtlichen Anfänge neu zu überdenken, wie dies in der Tagung „Die weiblich-mütterliche und die kindheitliche Dimension im individuellen Leben und im Laufe der Menschheitsgeschichte“⤴︎ versucht werden soll.

(Die Tagung der GESELLSCHAFT FÜR PSYCHOHISTORIE UND POLITISCHE PSYCHOLOGIE (GPPP) zum Thema hat Anfang April 2019 stattgefunden)

 

*) Brock, I. (2018). Der Geburtsmodus gehört in die Psychotherapie. In: Brock, I. (Hrsg.). Wie die Geburtserfahrung unser Leben prägt (S. 161-192). Gießen: Psychosozial.


Zur gleichen Thematik ein Appell unterzeichnet von:

  • Bettina Duesmann, Hebamme, BSc Midwifery
  • Prof. Dr. med. Sven Hildebrandt, Hochschule Fulda, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
  • Prof. Dr. med. Ludwig Janus, ärztlicher Psychotherapeut, Pränatalpsychologe
  • Prof. Dr. med. Otwin Linderkamp, Neonatologe, em. Prof. der Universität Heidelberg

Den Appell können Sie hier herunterladen:

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Psychologische Notsituation in der Geburtshilfe
Appell_modifiziert.pdf
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Auch zum Thema Geburtshilfe:

«Es ist nicht egal, wie wir geboren werden – und auch nicht, wie wir gebären»

Ein Artikel von Nora Imlau auf Edition F.


Eine sehr informativen Doku-Sendung über den Kaiserschnitt, in französischer Sprache:

 

»Césariennes, une épidémie contre nature«

 

Der Film lief am 29.11. auf RTS 1 - Radio Télévision Suisse  und ist jetzt in der Mediathek⤴︎ zu sehen.